// du liest gerade...

deutsch-französisch

Der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau

Am vergangenen Donnerstag abend fand in Kehl eine deutsch-französische Veranstaltung zum Thema “Kehl – Eckstein des Eurodistrikts?” statt. Anlass war die Veröffentlichung des Buches “l’Eurodistrict Strasbourg-Ortenau – la construction de l’Europe réelle”. Veranstaltet wurden die Vorträge vom Forum Carolus, einem europäischen think tank, der das Anliegen verfolgt, Straßburg und das Rheingebiet als ein Zentrum der Diskussion strategischer europäischer Fragestellungen zu etablieren.

Was aber ist der Eurodistrikt? Und welche Fragestellungen wurden in Kehl in Bezug auf den Eurodistrikt diskutiert?

Was ist der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau?
Es gibt entlang der Rheinschiene vier verschiedene Eurodistrikte: Der nördlichste Eurodistrikt “Pamina” (Palatinat – Mittlerer Oberrhein – Nord-Alsace), dann die Region der Communauté urbaine de Strasbourg sowie des Ortenaukreises, der Eurodistrikt Freiburg und Mittel- und Nordelsass sowie schließlich der Eurodistrikt Basel, der sich sogar über drei Länder (Schweiz, Deutschland, Frankreich) erstreckt.

Ein Eurodistrikt kann verstanden werden als europäischer Kooperationsraum, d.h. er ist per Definition ein grenzüberschreitender Raum. Der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau findet seinen Ursprung in der Erklärung von Jacques Chirac und Gerhard Schröder, die im Jahr 2003, zum 40. Jahrestag des Elysee-Vertrags, zur Gründung von grenzüberschreitenden “Eurodistrikten” aufriefen. 2005 folgte dann der Gründungsvertrag, an dem auf französischer Seite die Stadtgemeinschaft Straßburg (die CUS – Communauté urbaine de Strasbourg) und auf deutscher Seite der Ortenaukreis sowie die fünf großen Kreisstädte des Ortenaukreises – Offenburg, Kehl, Lahr, Achern und Oberkirch – beteiligt waren. Der Eurodistrikt ist also eine Gebietskörperschaft, allerdings in neuer Form, da hier die nationalen Rechtsgrundlagen zweier benachbarter Staaten in Einklang gebracht werden müssen.

Welche Fragestellungen werden im Rahmen des Eurodistrikts behandelt? Die Besonderheit, dass zwei verschiedene Rechtsrahmen zu berücksichtigen sind, ist gleichsam Ziel des Ansatzes des Eurodistrikts Strasbourg-Ortenau: Denn die Idee hinter dem Eurodistrikt besteht darin, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Deutschen und Franzosen beiderseits des Rheins auf eine neue Ebene zu bringen. Dies soll erreicht werden durch den Abbau von Einschränkungen, die durch die Grenzsituation entstehen.

Im Rahmen der Veranstaltung in Kehl wurde deutlich, dass diese “Probleme” ganz verschiedener Natur sein können. Da ist zunächst einmal natürlich das Gewicht der Geschichte: Straßburg, Hauptstadt des Elsass, war von 1870 bis 1945 dreimal deutsches Besatzungsgebiet. Neben der geschichtlichen Erblast gibt es darüber hinaus auch ganz konkrete Herausforderungen, die der grenzüberschreitende Raum Straßburg-Ortenau in der heutigen Zeit zu bewältigen hat: Wie schaffen wir es, dass die Badener im Elsass und die Elsässer ohne Probleme in Baden arbeiten können? Welche juristischen Hürden sind dabei zu überwinden? Und vielleicht noch wichtiger: Was müssen wir dafür tun, damit die kommenden Generationen die Sprache des Nachbarn sprechen? Insbesondere in Baden hat es vor kurzer Zeit einen regelrechten Sturmlauf vieler Eltern gegen den Vorschlag der Landesregierung gegeben, Französisch zur verpflichtenden ersten Schulfremdsprache zu machen. Es darf zumindest die Frage gestellt werden, ob dies klug ist angesichts der Nähe zu Straßburg, das schließlich nicht nur Hauptstadt des Elsasses, sondern auch Sitz des Europaparlaments sowie des Europäischen Rats ist (zur Sprachensituation in Europa siehe meinen Beitrag an anderer Stelle…)

Welche Projekte können also die Lebenssituation in Straßburg und der Ortenau verbssern? Was muss getan werden, damit Ängste und Vorurteile abgebaut und Chancen und Vorteile genutzt werden können?

Die Veranstaltung in Kehl hat diese Fragen natürlich nicht ausführlich beantworten können. Angesprochen wurden etwa die Verkehrspolitik oder auch die Frage des Klimaschutzes, die durch eine grenzüberschreitende, gemeinsame Bearbeitung in der Regel besser gelöst werden können als isoliert auf nationaler Ebene. Wenn die Veranstaltung bei dem einen oder anderen Besucher dazu beigetragen hat, das Bewusstsein für die besondere Chance zu schärfen, die den Bewohnern des Elsasses und der Ortenau mit der Konstruktion eines lebendigen Eurodistrikts geboten wird, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Dass es bis dahin noch ein langer Weg für Deutsche und Franzosen sein wird, ist auch klar. Aber vielleicht gilt ja auch hier die alte Fußballerweisheit: der Weg ist das Ziel. Affaire à suivre…

Diskussion

Keine Kommentare für “Der Eurodistrikt Straßburg-Ortenau”

Hinterlasse einen Kommentar