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Frankreich

Die Unabhängigkeit der Medien in Frankreich

Ein Kommilitone von mir aus Pariser Zeiten, Antoine Bellier, hat auf seinem Blog seine Sicht der Dinge zur Frage der Unabhängigkeit der französischen Medien veröffentlicht. Ich möchte seine gelungene Zusammenfassung dieser vieldiskutierten Frage hier in Form von These und Gegenthese ins Deutsche übertragen.

Eingangsthese: Immer weniger Menschen in Frankreich glauben, dass die Medien unabhängig gegenüber politischen und finanziellen Einflüssen sind (Quelle).

These 1a: Der Politiker bestimmt die Agenda des Journalisten. Beide durchlaufen dieselben (Hoch-)Schulen und entstammen demselben Pariser Intellektuellen-Milieu. Der Journalist wird zum Sprecher des Politikers und erhält als Gegenleistung Informationen aus erster Hand. Die persönlichen Beziehungen zwischen Politiker und Journalist bestimmen die mediale Agenda. Investigativer Polit-Journalismus verkommt zu persönlichkeitsgesteuerter Polit-PR.

These 1b: Der Journalist kann sich den Versuchen der Einflussnahme erfolgreich widersetzen. Die Reputation des Journalisten entspringt der Einhaltung seines Berufsethos’, unabhängiger Analyse und investigativer Recherche. Die professionelle Beziehung zu seinem Beruf (der Übermittlung von wahrheitsgemäßen Informationen) ist stärker als die persönliche Beziehung zu Freunden.

These 2a: Wie jedes Konsumprodukt unterliegt auch der Journalismus den Marktgesetzen und damit einem Profitstreben. Angesichts abnehmender Leserzahlen und zunehmender finanzieller Probleme sichern Großindustrielle wie Bernard Arnault, Serge Dassault und Edouard de Rothschild das Überleben großer französischer Tageszeitungen. Da das Pressegeschäft heutzutage trotz aller Bemühungen ein Verlustgeschäft ist, ist das finanzielle Engagement dieser Unternehmer nötig, um den Rückzug des Staates auszugleichen. Um einem Verlust an Unabhängigkeit vorzubeugen, haben die Redaktionen die Möglichkeit, Redakteursvereinigungen zu gründen und somit ihre Interessen gegenüber den Anteilseignern zu wahren.

These 2b: Der finanzielle Einfluss der Großindustriellen führt zu einer Abnahme der journalistischen Unabhängigkeit und ist schlecht für die Qualität der Information. Bernard Arnault kontrolliert als Besitzer des weltweit führenden Luxusgüterkonzerns LVMH gleichzeitig die führende Wirtschaftszeitung Frankreichs, Les Echos. Serge Dassault, Besitzer des Figaro und zahlreicher weiterer Blätter, ist im sensiblen Rüstungsgeschäft tätig und sitzt für die französische Regierungspartei UMP im Senat. Edouard de Rothschild, Teil der bekannten Bankiers-Familie, ist Mehrheitseigner von Libération und hat bei seinem Eintritt Chefredakteur und Stellvertreter entlassen. Die persönlichen Freundschaften dieses Personenkreises zum Staatschef Nicolas Sarkozy führen dazu, dass sich politischer Einfluss in Frankreich als ökonomischer Zwang manifestiert.

These 3a: Journalisten als Wächter der Demokratie haben besondere Rechte. In Frankreich sind diese im bis heute gültigen Gesetz zur Freiheit der Presse von 1881 verankert. 2008 wurde die Unabhängikeit der Medien als Ziel in die Verfassung der V. Republik, Artikel 34, aufgenommen.

These 3b: Die journalistische Unabhängig ist Fiktion: Zeitdruck und mangelndes Berufsverständnis (Abschreiben von Pressemeldungen und Abschauen von Kollegen) führen zur Uniformisierung der Information. Die gesetzliche Absicherung der Unabhängigkeit der Redaktionen lässt zu wünschen übrig. Auch die Einführung eines Delikts zur Verletzung von Staatsgeheimnissen oder die Kriminalisierung von Journalisten unter dem Deckmantel des Schutzes der Privatsphäre führt zu einer Verschlechterung journalistischer Unabhängigkeit. Frankreich wurde bereits mehrfach verurteilt wegen der Nichteinhaltung des Artikels 10-1 der europäischen Menschenrechtskonvention (betrifft den Schutz der Informationsfreiheit).

These 4a: Die Ideologie der Verblendung triumphiert: Aufgrund ihrer Abhängigkeit gegenüber finanziellen und politischen Interessen manipulieren die Medien die öffentliche Meinung und stellen sich in den Dienst einer essentiell neoliberalen Weltanschauung.

These 4b: Die Realität der heutigen Mediengesellschaft kann nicht geleugnet werden. Die Unabhängigkeit der Medien muss erobert werden. Dabei hilft es nicht, die politischen und finanziellen Versuche der Einflussnahme zu leugnen, sondern sich auf halbem Wege von beiden zu positionieren. Diese Positionierung ist langfristig nur möglich, wenn man akzeptiert, dass der Leser souverän ist. Die Chance des Qualitätsjournalismus besteht heutzutage darin, die Verbindung zwischen Medien und Leser herzustellen und damit die Information in den Dienste der Demokratie zu stellen. Hierdurch können politische wie finanzielle Zwänge in einer zunehmend mediatisierten Gesellschaft für den Erfolg heutiger Medien fruchtbar gemacht werden.

Diskussion

Ein Kommentar für “Die Unabhängigkeit der Medien in Frankreich”

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