// du liest gerade...

Featured

Das Konzept der “rentrée”

In Frankreich gibt es ein Wort, das jeder deutsche Französisch-Student in einer der ersten Lektionen seines Schulbuchs lernt: das Wort “rentrée”, was soviel wie “Schulwiederbeginn nach den Sommerferien” bedeutet. Obwohl die Übersetzung korrekt ist, kann sie jedoch bei weitem nicht erfassen, welch umfassendes kulturelles Phänomen sich dahinter verbirgt.

Denn eigentlich ist das Wort “rentrée” polyvalent und muss durch ein Adjektiv spezifiziert werden. Wenn man verkürzt von “rentrée” spricht, dann meint man nämlich eigentlich die “rentrée scolaire” mit der oben erwähnten schulischen Bedeutung. Darüber hinaus gibt es jedoch noch sehr viel mehr “rentrées”. Eine der wichtigsten ist die “rentrée littéraire”, was die Tatsache beschreibt, dass nach der Sommerpause viele neue Bücher in Frankreich veröffentlicht werden. Dieses Jahr zählt man 676 Bücher in Frankreich, die zur Zeit der rentrée, Ende August / Anfang September, erscheinen. 2007 waren es noch 727. Die Zählung erfasst dabei auch ausländische Bücher. Gleichzeitig stellt man in Frankreich fest, dass es letztlich doch immer dieselben Autoren sind, die zur Zeit der rentrée in großer Anzahl verkauft werden, so etwa Amélie Nothomb.

Genaugenommen ist die rentrée also eine Methode, dem traditionellen Medium “Buch” einen wirtschaftlichen Push nach der Ferienzeit im Sommer zu geben. Da das Konzept funktioniert, hat man sich in Frankreichs Kinoszene überlegt, dass man dasselbe Konzept auch zu einer “rentrée du cinéma” umfunktionieren könnte. Seit 2004 darf sich jeder Kinobesucher also über ein Geschenk oder eine Preissenkung freuen — natürlich nur, wenn er zuvor zwei Kinobesuche innerhalb eines kurzen Zeitraumes getätigt hat (und diese nachweisen kann).

Ach ja, und natürlich erwartet man auch vom Staat, dass er sich an der rentrée beteiligt. So gibt es jedes Jahr in Frankreich für geringverdienende Familien mit Kindern (Beispiel: Familie mit einem Kind verdient weniger als 21.991 Euro) eine “allocation de rentrée scolaire”, eine Art Büchergeld zu Schuljahresbeginn. Der Betrag wird jährlich neu vom Parlament festgelegt, und beträgt dieses Jahr zwischen 272,59 Euro und 297,59 Euro (je nach Alter des Kindes). Damit zeigt sich wieder einmal, wie unterschiedlich Frankreich und Deutschland in dieser Hinsicht sind. Zwar gibt es in Deutschland keine derartige staatliche Unterstützung, dafür herrscht hier aber das Prinzip der Lernmittelfreiheit. Anders ausgedrückt: In Frankreich können die einschlägigen Kaufhäuser wie die FNAC den Kunden einzeln das Geld aus der Tasche ziehen, dass sie vom Staat bekommen. In Deutschland kaufen die Schulen hingegen direkt bei den Verlagen benötigtes Lernmaterial in Klassenstärke — was aufgrund der Rabatte natürlich billiger für den Endverbraucher und den Staat ist.

Oder anders ausgedrückt: In Frankreich haben traditionelle Buch-Verlage (rentrée littéraire), Medienketten wie die FNAC (rentrée scolaire) oder die Kinoindustrie (rentrée du cinéma) einen sehr viel höheren Stellenwert, der auch noch von Staats wegen gefördert wird. Aber das ist ja auch klar, oder hat man in Deutschland schon einmal etwas von einem “Wiederbeginn” etwas gehört?

Diskussion

Ein Kommentar für “Das Konzept der “rentrée””

  1. [...] Rot auch dafür, dass in unserem Nachbarland alles im grünen Bereich ist. Zumindest bis zur rentrée… Etiketten: Autobahn, Ferien, Grandes Vacances, Sommerferien, Stau, [...]

    Kommentiert von Deuxzero | | 8. August 2009, 12:54

Hinterlasse einen Kommentar